Rede Yasmin Fahimi zur Einsetzung der Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Welt“ (28.06.2018)

Der Bundestag hat am Donnerstag, dem 28. Juni 2018 die Einsetzung einer Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Welt“ beschlossen.

Darum geht’s: Die Digitalisierung stellt neue Anforderungen an fast alle Berufe. Daher brauchen wir Konzepte, wie wir unsere Erfolgsgeschichte in Sachen duale Aus- und Weiterbildung weiter fortsetzen. Denn es geht nicht nur um Fachkräftesicherung für die Wirtschaft, sondern um sichere Beschäftigungsperspektiven und freie Berufswahl für die jungen Generationen.

Die Enquete-Kommission soll untersuchen, wo und auf welche Weise die berufliche Bildung an die Anforderungen der digitalen Arbeitswelt angepasst werden muss und inwieweit die Stärken des Systems dabei weiter ausgebaut und mögliche Zugangshürden abgebaut werden können. Besonders berücksichtigt werden sollen die Sicherung des Fachkräftebedarfs, niedrigschwellige und diskriminierungsfreie Zugänge zu Bildungs- und Qualifizierungsangeboten sowie Aufgaben wie pflegerische, pädagogische und Sorgetätigkeiten. Das Gremium soll eine Strategie für die Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung formulieren und aufzeigen, wie die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung in Zeiten des digitalen Wandels von Berufsbildern und Erwerbsbiografien gestärkt werden kann. (Quelle: Deutscher Bundestag)


Hier können Sie meine Rede im Plenum als Video ansehen:

Hier finde Sie den Antrag Einsetzung einer Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“ Drucksache 19/2979

19. Wahlperiode: 29. Sitzung Berlin, Donnerstag, den 28. Juni 2018

Rede Yasmin Fahimi MdB

Einsetzung einer Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Welt“

Tagesordnungspunkt 7:

Antrag der Fraktionen CDU/CSU, SPD, FDP und DIE LINKE: Einsetzung einer EnqueteKommission „Berufiche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“

Yasmin Fahimi (SPD):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr verehrtes Haus!

Frau Höchst, wissen Sie, wenn Sie hier Vorwürfe eines undemokratischen Verhaltens an dieses Haus richten, dann müssen Sie schon auch Beweise vorlegen. Wenn Sie das nicht können oder wollen, dann schweigen Sie einfach.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der FDP, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)

Abgesehen davon habe ich in Ihrer Rede nur darauf gewartet, wann Sie es tatsächlich schaffen, selbst beim Thema berufliche Bildung Ihre Deutschtümelei einzubringen. Zum Schluss haben Sie das tatsächlich geschafft. Dafür zumindest Respekt.

(Zurufe von der AfD)

Aber wir kommen jetzt zurück zum Thema. Wir sind uns hier insgesamt einig, egal was den Antrag im Einzelnen angeht, dass das duale System in Deutschland ein Erfolgsschlager ist, und zwar über die nationalen Grenzen hinaus.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN und des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE])

Jetzt wollen wir aber in dieser Enquete-Kommission über eins reden, nämlich darüber, wie wir diesen Erfolgsschlager im Zuge des Wandels für uns erhalten können. Ich will hier noch ein Element einbringen, das mir wichtig ist, nämlich dass wir im Kontext dieses Wandels nicht nur über Technik und technisches Know-how reden, sondern auch darüber, dass der Wandel, der uns im Zuge der Digitalisierung erwartet, einer ist, der uns viel substanzieller trifft.

Dann reden wir nämlich in der Frage, was denn eigentlich produktive und notwendige Arbeit von morgen ist, nicht nur über das technische Knowhow, das wir brauchen, sondern auch darüber, dass wir viel mehr pädagogische, soziale und pflegerische Tätigkeiten brauchen, die im Übrigen gut organisiert und gut bezahlt sein müssen, über die Rolle des Menschen in der zukünftigen Arbeitswelt und natürlich auch über den jeweiligen Wert der Tätigkeiten darin.

(Beifall der Abg. Kordula Schulz-Asche [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Mit anderen Worten: Wenn ich jetzt zwei Ziele, die wir uns in der Enquete-Kommission vorgenommen haben, beschreibe, dann müssen wir das vor allem auch mit diesem Fokus tun, nämlich Entwicklungsperspektiven der beruflichen Aus- und Weiterbildung, und das eben nicht nur aus einer Angstecke heraus getrieben, sondern mit der Fragestellung: Wie können wir für die junge Generation neue Horizonte schaffen?

Ich hoffe doch – davon gehe ich jedenfalls aus –, dass wir alle nicht nur ein Talent haben, sondern dass wir viele Potenziale und Talente haben – jedenfalls die meisten hier. Insofern muss man doch darüber reden, welche Ansprüche, Wünsche und natürlich auch Finanzierungen gerade hinter der Verzahnung und dem Thema Weiterbildung stehen.

Wirtschaftliche und soziale Modernisierungsmöglichkeiten herauszufinden, das ist unser Ziel. Es geht eben nicht alleine um die Passgenauigkeit zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt. Es geht darum, beispielsweise Berufsorientierung so auszurichten, dass das Potenzial erkannt wird und dass der einzelne junge Mann oder die einzelne junge Frau tatsächlich den Beruf findet, der zu ihnen passt und mit dem sie glücklich und zufrieden werden. Das muss doch unser Ziel sein: dass wir die Attraktivität der betrieblichen Ausbildung erhöhen, dass wir Kleinstbetriebe in der Qualität ihrer Ausbildung unterstützen, dass wir Erst- und Weiterbildung miteinander verzahnen und dass wir Berufsschulen für die zukünftigen Aufgaben auch mit Blick auf die Qualifikation der Berufsschullehrer weiter ausbauen.

Das geht aber nur dann, sehr verehrte Damen und Herren, wenn wir über die Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung reden, über die Gleichwertigkeit, die wir dafür schaffen müssen, und vor allem – und das soll mein Ziel sein; das will ich hier noch einmal betonen – darüber, dass die Menschen selbstbestimmt über ihren Bildungsweg entscheiden können. Dafür brauchen sie Informationen. Dafür brauchen sie Orientierung und Unterstützung und eben bestmögliche Bildungswege.

(Beifall bei der SPD)

Vizepräsidentin Claudia Roth: Frau Kollegin, erlauben Sie eine Zwischenfrage oder -bemerkung von Frau Kollegin Christmann von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen?

Yasmin Fahimi (SPD): Ich bin so gut wie am Ende.

(Matthias W. Birkwald [DIE LINKE]: Nur von der Redezeit!)

Deswegen würde ich das jetzt gerne zu Ende bringen. Ich möchte gerne noch auf eines hinweisen – auch weil das hier immer wieder sozusagen gegeneinander ausgespielt wird –: Die duale Ausbildung ist kein Widerspruch von Kopf- und Handarbeit.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN und des Abg. Matthias W. Birkwald [DIE LINKE])

Erfolgreiche Werbung für die berufliche Bildung macht man nicht, indem man vor der Akademisierung warnt und so tut, als ob es eine Überakademisierung in unserem Land gäbe.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN – Dr. Jens Brandenburg [Rhein-Neckar] [FDP]: Es geht um die Gleichwertigkeit!)

Ich sehe das ganz anders. Ich will das hier ganz deutlich sagen: Ich möchte keinen jungen Menschen davon abhalten, einen möglichst guten Schulabschluss zu machen und, wenn er möchte, auch ein Studium anzutreten. Ich möchte – und das sehe ich als unser Ziel –, dass wir die Möglichkeiten aufzeigen und die besten Bedingungen für das bestmögliche Lernen in allen Bildungswegen schaffen. Dann halten wir ein Versprechen, zu dem wir eigentlich der jungen Generation gegenüber auch verpflichtet sind, nämlich dass Bildung und Qualifizierung, insbesondere auch die duale Ausbildung, ein Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben sein sollen.

Dafür müssen wir die jungen Menschen motivieren und anspornen, und dafür müssen wir die Wege und die Ressourcen organisieren, damit das auch möglich ist. Nur über Attraktivität und Motivation entstehen die Bildungswege von ganz alleine, ohne dass wir sie in irgendetwas hineinzwingen.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)

Vizepräsidentin Claudia Roth: Vielen Dank, Yasmin Fahimi.