Rede Yasmin Fahimi zum Berufsbildungsbericht 2020 (11.09.2020)

Hier finden Sie meine Rede zum Berufsbildungsbericht 2020 im Deutschen Bundestag in Wort und Bild.

Mit der Novelle zum Berufsbildungsgesetz haben wir die Rechte der Auszubildenden verbessert. Wir als SPD-Fraktion haben darauf gedrängt , dass es endlich eine Mindestausbildungsvergütung gibt.

Auch in der Krise kämpft die SPD nicht nur um jeden Arbeitsplatz, sondern auch um jeden Ausbildungsplatz. Wir müssen darüber reden, dass es endlich eine Ausbildungsplatzgarantie in Deutschland geben muss. „Qualifizieren, nicht parken“, das muss unser Motto sein.


Hier können Sie meine Rede als Video ansehen:


Yasmin Fahimi (SPD):

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Zuschauer an den Monitoren!

Nur eine Anmerkung an meinen Vorredner. Herr Frömming, ich will Sie nur darauf hinweisen: Das ist hier ein freies Land und ein Land, das sich stets darum bemüht, sich gegen Diskriminierung aufzustellen. Deswegen ist die duale Ausbildung nicht nur eine Ausbildung für in Deutschland Geborene, sondern für alle, das heißt auch für Migrantinnen und Migranten, die im Übrigen sehr viel dazu beitragen, dass wir in Deutschland überhaupt noch einen funktionierenden Fachkräftemarkt haben.

(Beifall bei der SPD – Dr. Götz Frömming [AfD]: D’accord!)

Ich will auf einen Befund des Berufsbildungsberichtes eingehen. In der Tat ist die Vertragslösungsquote, die es auch in der beruflichen Ausbildung gibt, mit 26,5 Prozent auch aus meiner Sicht zu hoch. Dieser Wert ist Anlass, dass wir uns noch einmal Gedanken darüber machen, wie wir eigentlich die Berufsorientierung aufstellen, welche Qualität, welche Spielräume in den Schulen wir dazu brauchen, aber auch darüber, welche Attraktivitätssteigerungen für die Auszubildenden – das heißt bessere Ausbildungsbedingungen – wir eigentlich sicherstellen müssen. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagt man so schön. Ja, das gilt aber nicht nur für die Auszubildenden, das gilt auch für die Ausbilder. Und deswegen ist es gut und richtig, dass wir mit der Novelle zum Berufsbildungsgesetz die Rechte der Auszubildenden verbessert haben und dass wir als SPD-Fraktion darauf gedrängt haben, dass es endlich eine Mindestausbildungsvergütung gibt.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Der Anstieg des Anteils junger Menschen ohne Berufsabschluss – das ist ein zweiter Befund – muss uns allerdings auch Sorgen machen. 14,4 Prozent sind es inzwischen; das ist jeder siebte Jungerwachsene. Das deutet auch darauf hin, dass wir neben der Berufsorientierung vor allem einen besseren Übergang von Schule in Ausbildung brauchen. Wir brauchen Ausbildungslotsen, die tatsächlich dabei helfen, die verschiedensten Probleme zu lösen, seien sie sozialpädagogischer, psychischer oder sonstiger Art, um junge Schulabgänger in Betriebe zu vermitteln. Das muss regelkreisübergreifend sein. Deswegen glaube ich auch, dass die duale Einstiegsqualifizierung, wie sie in vielen Sozialpartnermodellen schon sehr erfolgreich gelebt wird, etwas ist, was wir uns sehr genau dahin gehend anschauen müssen, inwiefern wir das verallgemeinern können. Aber – das sage ich an der Stelle auch, weil ich ja schon einige Gedanken der FDP-Fraktion dazu kenne – das darf nicht zu einem neuen Erprobungsjahr vor der Ausbildung werden. Man würde dann quasi sagen: Ach, dann gucken wir uns den mal ein Jahr an, ob wir den tatsächlich in Ausbildung übernehmen. –

Es muss eine sehr spezifische Übergangsregelung für diese jungen Menschen geben, die hilft, individuelle Probleme zu überwinden und sie tatsächlich bis zum Ausbildungsabschluss zu begleiten. Ich will als Drittes kurz den Anstieg schulischer Ausbildungsgänge in den Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufen ansprechen; er liegt bei fast 4 Prozent. Das ist sehr erfreulich, weil wir diese jungen Menschen und diese Fachkräfte brauchen. Aber sie brauchen auch uns. Ich finde, es ist an der Zeit, darüber zu reden, wie wir dieses Zweiklassensystem der Ausbildung in Deutschland beenden: die duale Ausbildung gemäß Berufsbildungsgesetz einerseits und alle anderen Ausbildungen in einem Wildwuchs von 16 Bundesländern andererseits.

Wir brauchen in Deutschland endlich ein neues Berufsgesetz, das Berufe auch in diesem Bereich ordnet, Rechte und Pflichte einheitlich klärt und eine bundesländerübergreifende Anerkennung sicherstellt.

(Beifall bei der SPD und der LINKEN)

Ich möchte zum Schluss natürlich auch darauf eingehen, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge gesunken ist, ja – und dabei beziehe ich mich auf Zahlen von vor der Pandemie. Wir kennen inzwischen auch andere Zahlen, nicht zuletzt vom Bundesinstitut für Berufsbildung, die prognostizieren, dass für das kommende Ausbildungsjahr 45 000 Ausbildungsplätze weniger angeboten werden. Wir wissen genau: Wer einmal aus der Ausbildung ausgestiegen ist, der tut sich mit einem Wiedereinstieg schwer. Selbst wenn einige Bewerberzahlen zurückgehen, weil es eine Umorientierung auf die akademische Ausbildung gibt – was im Übrigen nicht einfach eine Konkurrenz zur dualen Ausbildung ist, so nach dem Motto „Für die Eliten das eine und für den Rest, das Fußvolk, das andere“, sondern was zwei attraktive Berufswege sein sollen –, müssen wir darüber reden, wie wir die Attraktivität der Ausbildung weiter steigern können und wie es uns gelingt, dass zum Beispiel Hauptschüler besser vermittelt werden. Der Markt alleine wird es nicht regeln.

Deswegen, glaube ich, ist es an der Zeit, darüber zu reden, dass diese Generation nicht zu einer verlorenen „Generation Corona“ wird. Wir müssen darüber reden, dass es endlich eine Ausbildungsplatzgarantie in Deutschland geben muss. „Qualifizieren, nicht parken“, das muss unser Motto sein.

(Beifall bei der SPD)

Wir haben als Bundesregierung und als SPD-Fraktion schon einiges getan. Der Schutzschirm für Ausbildung, auf den wir sehr gedrängt haben, ist hier schon genannt worden. Es ist jetzt die Stunde der Regierung. Sie muss dafür sorgen, dass es in den kommenden Ausbildungsjahren nicht zu einem weiteren Abbau der Ausbildungsplätze kommt. Frau Ministerin Karliczek, das ist natürlich die Kennzahl, an der wir alle prüfen werden, ob die Regierung hier weiterhin handlungsfähig ist. Wir als SPD – das ist jedenfalls klar – kämpfen nicht nur um jeden Arbeitsplatz, sondern auch um jeden Ausbildungsplatz. Deswegen werden wir es aufmerksam und konstruktiv begleiten, wenn neue und zusätzliche Maßnahmen notwendig sind.

Vielen Dank.

(Beifall bei der SPD)