„Was wir von der politischen Seite aus tun können, ist die Durchlässigkeit sicherzustellen”

Yasmin Fahimi im Interview mit dem Politikmagazin „zwd“.

Die berufliche Bildung in Deutschland ist ein Erfolgsmodell, steht jedoch vor vermehrt neuen Herausforderungen. Was muss also passieren, um die berufliche Bildung zukunftsfest zu machen? Der zwd sprach darüber mit der SPD-Ausbildungsexpertin Yasmin Fahimi, die auch Obfrau ihrer Fraktion in der Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt” ist.

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Interview: HANNES REINHARDT & HOLGER H. LÜHRIG

zwd Berlin. Die berufliche Bildung in Deutschland ist ein Erfolgsmodell, steht jedoch vor vermehrt neuen
Herausforderungen. Was muss also passieren, um die berufliche Bildung zukunftsfest zu machen?
Der zwd sprach darüber mit der SPD-Ausbildungsexpertin Yasmin Fahimi, die auch Obfrau ihrer
Fraktion in der Enquete-Kommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt” ist.

zwd-POLITIKMAGAZIN: Frau Fahimi, zwei Jahre Zeit stehen Ihnen in der Enquete-Kommission nun zur Verfügung. Was erhoffen Sie sich als Ergebnis?

Yasmin Fahimi: Wir haben unsere Sachverständigen in dieser Kommission nicht ohne Grund benannt. Ich will mir da die Bereitschaft und die Offenheit für neue Ideen bewahren und
kein Ergebnis vorwegnehmen. Klar ist aber: Deutschland hat nur diese eine Ressource, unsere eigenen Köpfe. Daher muss unser Bildungssystem Zugänge für alle schaffen, Theorie und
Praxis müssen miteinander verzahnt sein und die Qualität muss über sozialpartnerschaftliche Verabredungen gesichert sein.
Klar ist für mich auch: Die berufliche Bildung in Deutschland hat eine hohe soziale Integrationswirkung. In allen Berufsgruppen – insbesondere auch den wachsenden sozialen und pflegerischen
Dienstleistungen – müssen wir Entwicklungspfade für hochqualifizierte Fachkräfte, wie auch niederschwellige Zugänge zum Arbeitsmarkt für alle Potenziale ermöglichen. Es geht bei der Zukunft der beruflichen Bildung um mehr als nur um die Frage, wie moderne Technik und Didaktikkonzepte an die Berufsschulen gebracht werden können. Die Qualität der beruflichen Bildung beweist sich darin, wie wir Chancengerechtigkeit, Durchlässigkeit und Übersichtlichkeit für alle Berufswege sicherstellen.

zwd: Sie sind auch Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion für Berufliche Bildung. Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Yasmin Fahimi: Die berufliche Bildung soll als gleichwertiger Berufsweg ausgebaut werden. Es ist uns ein Hauptanliegen, das in der dualen Ausbildung nicht nur gute Berufsperspektiven, sondern auch persönliche Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen werden. Wir müssen die Qualität der Beruflichen Ausbildung hochhalten und auch dessen soziale und integrative Rolle sicherstellen.
Deshalb sind die Durchlässigkeit und die Gleichwertigkeit gegenüber der akademischen Ausbildung entscheidend. Das alles hört sich selbstverständlich an, aber wir sind in Deutschland
eben noch lange nicht so weit. Da haben wir mit Blick auf die soziale Spaltung und die Digitalisierung eine Menge nachzuholen. Immerhin findet in der Bildung die eigentliche Chancenverteilung statt. Dort wollen wir unser „sozialdemokratisches Versprechen“ verwirklichen: Eine Perspektive auf ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben für alle.

zwd: Gibt es zurzeit eine Chancenverteilung zu Lasten derer, die in der beruflichen Bildung sind?

Yasmin Fahimi: Teils, teils. Die kürzliche erschienene OECD-Studie hat ja gezeigt, dass die Berufsaussichten mit einer beruflichen Ausbildung nahezu genauso gut sind wie mit einer akademischen. Während insbesondere die Berufe im MINT-Bereich gute Aussichten bieten, sind die Berufe mit einer lediglich zweijährigen Ausbildung mit einer deutlich schlechteren Zukunftsprognose verbunden. Auf der anderen Seite stellen auch viele akademische Abschlüsse keine lebenslange Karriere sicher.
Ich rate jedem jungen Menschen, etwas zu lernen und beruflich zu tun, was er auch wirklich machen möchte und das mit Leidenschaft zu machen. Was wir von der politischen Seite aus
tun können, ist die Durchlässigkeit zu verbessern. Schon alleine deswegen, weil zukünftig eine Erwerbsbiografie nicht von Anfang bis Ende vorhersagbar und planbar ist.

zwd: Wie kann sich die SPD im Bereich der beruflichen Bildung von der Union abgrenzen?

Yasmin Fahimi: Der Unterschied wird sich darin zeigen, wie konkret wir bei der Novelle des Berufsbildungsgesetzes werden. Hier sollte man das System von „credit points“ oder entsprechenden europäischen Qualifizierungsrahmen durchdefinieren und festschreiben. Genauso kann man es auch beim Aufstiegsförderungsgesetz machen, indem man hier eine Regelung schafft, die dem BAföG vergleichbar ist. Auch dort wird es sich beweisen, ob man tatsächlich vom Gleichen redet oder nicht.

zwd: Existiert schon eine Zeitachse für die Novellierung des Berufsbildungsgesetzes?

Yasmin Fahimi: Laut des Koalitionsvertrages soll das Gesetz im Sommer 2019 mit Wirkung zum 1. Januar 2020 verabschiedet sein. Da wir jedoch vom Bundesbildungsministerium noch
keine weiteren Informationen erhalten haben, weiß ich leider nicht, ob dieser Zeitplan eingehalten werden kann. Sie sprechen allerdings insofern etwas Wichtiges an, als dass wir eine existenzsichernde finanzielle Grundlage für Auszubildende sicherstellen wollen, beispielsweise über eine Mindestausbildungsvergütung. Wir müssen darüber reden, wie wir Mobilitätshilfen verbessern können, wenn wir die Ausbildung auch da stärken wollen, wo die Strukturen eher schwach sind. Ich glaube auch, dass wir über die berufliche Ausbildungsbeihilfe reden müssen. Dort müssen wir die Antragsstellung und die finanzielle Ausstattung verbessern. Dieser Bereich liegt allerdings kurioserweise beim Bundesarbeitsministerium.

zwd: Theoretisch stehen mehr Ausbildungsstellen zur Verfügung als es Bewerber*innen gibt. Was läuft falsch, wenn immer von „Passungsproblemen“ die Rede ist?

Yasmin Fahimi: Diese Passungsungenauigkeit ist real. Das hat etwas mit der finanziellen Ausstattung zu tun, aber auch mit der Ausbildungseignung.
Wir müssen die jungen Menschen ermutigen und befähigen, eine Ausbildungsstelle anzunehmen. Viele Ausbildungsbetriebe sind umgekehrt unzufrieden mit der Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen. Hier müssen wir eine bessere und engere Betreuung sicherstellen.
In der Region Hannover gibt es beispielsweise das Programm der Ausbildungslotsen. Dort werden vor allem Haupt- und Realschüler*innen mit Unternehmen zusammengebracht. Bei solchen Programmen, die die jungen Menschen in den Ausbildungsberuf begleiten, haben wir extrem hohe Erfolgsquoten. Es bedarf also einer besseren Vermittlung – bei den Schulen, aber auch bei
der Bundesagentur für Arbeit. Es ist aufwendig, aber es lohnt sich, individuelle Betreuung zu erhöhen, um die Passungsprobleme zu beheben.

zwd: Solche Programme kosten viel Geld…

Yasmin Fahimi: …nein, am Ende wird Geld gespart, weil weniger Menschen arbeitslos und damit Transferempfänger werden. Nach drei bis vier Jahren rechnet sich das schon.

zwd: Stichwort Weiterbildung: Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung ist die Weiterbildungsquote vor allem unter Geringqualifizierten in den letzten Jahren zurückgegangen.
Was muss hier passieren?

Yasmin Fahimi: Wir müssen der Bildung und erst recht der Weiterbildung wieder einen klaren Wert geben. Übersichtlichkeit und Standarts sind dabei Schlüsselworte. Wir sollten mit gesetzlichen Rahmenrichtlinien Standarts festschrieben, die mit den Sozialpartnern verabredet sind. Dann weiß jede/r was er/sie erwirbt. Mit der Handwerksordnung haben wir zu qualifizierter Aufstiegs- und Fortbildung ja bereits sehr gute Erfahrungen gemacht. Das sollten wir Verallgemeinern.

Quelle und (c): zwd-Politikmagazin

zwd.info